Honeymoon mit der Selbsthilfe

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Zu jung für Parkinson, Gerald Ganglbauer, Stattegg 2015

2005 in Australien

Ich lebte seit 1989 in Sydney, New South Wales, in meiner Wahlheimat Australien und erfreute mich bester Gesundheit. Ich war gerade erst über 40 als ich Veränderungen wahrnahm. Restless Legs, Bewegungsstörungen, Depressionen. Im Juni 2005 vermutete mein Hausarzt, Dr. Irwin Light, dass ich Young Onset Parkinson haben könnte, nachdem ich ihm meine kleinen und einzeln für sich betrachtet harmlosen Symptome genau geschildert hatte. Im Rückblick hatte sich so manches über die Jahre angeschlichen.

Er überwies mich zu Dr. Leo Davies vom Royal Prince Alfred Hospital, der mir nach einigen Gesprächen und Therapieversuchen mit Sinemet ein Jahr später die Diagnose “Parkinson” stellte. Ich begab mich in Behandlung von Dr. Dudley O’Sullivan, einem Neurologen in Paddington, der seine Ordination nach seiner Pensionierung dem jungen Dr. Steven Tisch übergab. Der war, wie es der Zufall wollte, Österreicher.

Inzwischen hatte mich eine Freundin auf Parkinson’s New South Wales aufmerksam gemacht und mich mit einigen Broschüren versorgt. Es lag nahe, mit 300 Dollar gleich lebenslanges Mitglied zu werden, denn PNSW war die lokale Parkinson Selbsthilfe Organisation, die mich den Rest meines Lebens begleiten würde und ich hatte schon an einigen Treffen teilgenommen. In der City of Sydney selbst gab es jedoch nur eine chinesischsprachige Gruppe, sodass ich mich entschloss, nach Betroffenen in meiner engeren Umgebung zu suchen.

Am Welt-Parkinson-Tag 2008 lernte ich Chris Davis kennen, der an der University of Technology lehrte. Der UTS Campus lag genau mir gegenüber – praktischer gings gar nicht. An einem PNSW Stand am Martin Place traf ich auch einen Parkinson-Spezialisten, Dr. Simon Lewis. Zu dritt starteten wir meine erste eigene Selbsthilfegruppe in Australien und die gliederte sich nahtlos in die bestehende etablierte Struktur von PNSW ein, die auch Broschüren und Knowhow zur Verfügung stellte.

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Fotos von einem Treffen meiner USG in Sydney

Mit Hilfe einer Website und in enger Zusammenarbeit mit PNSW wuchs die Gruppe rasch zu einem Dutzend regelmäßiger Teilnehmer an und ich konnte die City of Sydney gewinnen, für unsere Treffen das Community Centre zur Verfügung zu stellen. Erleichternd war dabei der Umstand, dass ich der Stadtregierung als Chairman von einem Precinct Committee (Bezirk Ultimo) bereits gut bekannt war.

2007 – 2013 in Australien und Österreich

In jenen Jahren hatte ich als einer der Direktoren der Interessenvertretung der Auslandsösterreicher auch immer wieder in Österreich zu tun und suchte dort ähnliche Verhältnisse in der Selbsthilfe. Auf den ersten Blick war es auch so. Es gab Gruppen, Landesgruppen und einen Dachverband. Also wurde ich Mitglied beim Landesverband Steiermark und gründete 2010 in Graz eine YOPD Gruppe, da nur eine zwar nette aber überalterte Gruppe existierte. Zudem hatte ich das Glück, den Wiener Neurologen Dr. Willibald Gerschlager kennenzulernen und gemeinsam mit ihm ein österreichweites Parkinson-Forum aufzubauen, das ich acht Jahre lang moderierte.

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Mit meiner österreichischen YOPD SHG in Medien wie dem GRAZER

In diesem steirischen Verband konnte ich mich aber nicht entfalten. Ich war von PNSW Offenheit und Demokratie gewohnt, die Führung dieses Vereins warf mich aber sofort hinaus, als ich mich erkundigte, wie der Vorstand gewählt wurde und peinliche Fragen stellte. Ähnlich erging es auch einem anderen “jungen” Mitglied, Ulrike Sajko, die gleich nach mir hinausgeworfen wurde.

Durch meine Tätigkeit als Betreiber und Moderator des Forums war ich der gesamten Szene bekannt, zum Teil geschätzt, von anderen gefürchtet. Dieses “Tall poppy syndrome” machte mich leicht angreifbar und zum Reibebaum, obwohl sich ein großer Teil der Animositäten auf falsch interpretierte Kommunikation oder persönliche Meinungen stützte.

Unter solch vorbelasteten Bedingungen kam es 2010 zu einem ersten YOPD Treffen in Karlstein, Niederösterreich, das am Rande der damals noch vom alten Dachverband organisierten Parkinsontage im Waldviertel stattfand.

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Parkinsontage Karlstein, 2010

Die Teilnehmer waren sich einig und erachteten es als notwendig, die alten Strukturen der Parkinson Selbsthilfe zu erneuern, jedoch von da an auf verschiedenen Wegen. Ich wollte das mir auch in der internationalen Zusammenarbeit brauchbarste australische Modell einer NGO adaptieren. Also regionale, nicht zwingend durch Bundesländer eingegrenzte Gruppen, die sowohl für Alters-Parkinson als auch YOPD Sorge trugen und unter einem bundesweiten Dachverband mit einem demokratisch gewählten Vorstand das beste aus Patientenorganisation und Selbsthilfe vereinten.

Das sollte aus dem Dachverband heraus geschehen, der zu diesem Zeitpunkt von Ärzten und Apothekern gesteuert wurde, wo Betroffene keine Positionen auf Augenhöhe innehatten. Trotz positiver Signale des seinerzeit amtierenden Präsidenten Dr. Dieter Volc kam es am runden Tisch im Waldviertel zu keiner Zusammenarbeit.

Es bildete sich dort eine eigenständige YOPD Gruppe parallel zum bestehenden Dachverband, deren Akzeptanz aber schon an der Namensgebung scheiterte (JUPPS klang unseriös, Parkies verharmlosend und JuPark wurde ebenso abgelehnt). Ein vom federführenden Salzburger Joe Ebner gewagter Versuch eines JUPPS Forums versandete. Auch JUPPS werden alt und als sie Jahre später den führerlos dahinsiechenden Dachverband (der gesamte Vorstand war zurückgetreten) infiltrierten, waren sie kraftlos.

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Aus der ÖVP Presse

Aus dem Burgenland kam dann die letzte, mittlerweile ebenso gescheiterte Anstrengung von Gabi Hafner, statt einer neuen Gruppe einfach das alte Vehikel neu zu bemannen, also freiwerdende Funktionen im Dachverband mit ihren Freunden zu besetzen. Das ging eine Weile mit Unterstützung ihrer Partei, sie hat dabei aber vergessen, die Statuten zu ändern, was wieder nicht zuließ, allen Gruppen ein Dach zu bieten. Ihre Animosität ging sogar so weit, dass dieser “neue” Dachverband vor uns warnte, Parkinsonline (PON), die mittlerweile seit zehn Jahren etablierte freundliche Parkinson Selbsthilfe, sei keine von ihrem Verband autorisierte Selbsthilfevereinigung. Hört, hört.

„Wer fürchtet sich vor der schwarzen Frau …“

Ab 2013 in Österreich

Ein Wort zu dieser Vereinigung, die aus der kleinen Grazer Gruppe gewachsen war. Gemeinsam mit der „Rebellin“ Uli Sajko, die dem Landesverband Steiermark und seinem Präsidenten Helmuth Sonnenschein sogar vereinspolizeilich auf die Zehen gestiegen war, gründeten wir einen Verein. Wir waren ein gutes Team. Als Herz und Seele der Gruppe organisierte sie liebevoll unsere REAL Treffen und ich war für unseren Webauftritt und die Kommunikation zuständig. Der „alte“ Dachverband sah in uns eine konkurrenzierende Organisation und verweigerte PON die Mitgliedschaft. Das störte uns wenig und wir übernahmen sogar seine Funktionen, als ein Jahr lang kein Mux aus Wien kam. In der Zwischenzeit verknüpfte ich PON mit London (EPDA) und New York (World Parkinson Coalition), weil mich internationale Kooperationen ohnedies sehr interessierten.

Durch meine Ausbildung als akademischer Medienexperte und Web Entwickler, als auch mit meinen Englischkenntnissen aus 25 Jahren in Australien hatten wir einen kaum einzuholenden Vorsprung mit unserer Website und anderer Kommunikation sowie der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Doch Joe Ebner und Gabi Hafner vereitelten bislang eine vereinte, bundesweite Organisation mit übler Nachrede, wo sie nur konnten, weshalb sich Österreichs Sympathien teilten. Wir hatten Freunde in Vorarlberg, Tirol, Wien und Kärnten, die Feinde waren in Salzburg, Ober- und Niederösterreich und dem Burgenland zu finden. Diese Gräben waren zu tief, als dass ich sie in meiner Amtszeit hätte schließen können. We agree to disagree, hätte ich früher gesagt.

Wie es weiter geht ist schwer vorher zu sagen. Die Krankheit holt uns alle langsam zu sich. Eine Heilung ist noch immer nicht in Aussicht. Der Honeymoon geht wie mit der Erkrankung auch mit der Selbsthilfe vorüber. Es wird sich ein Nachfolger finden. Die nächste Generation YOPD Betroffener hat nur noch nicht realisiert, dass sie sich selbst helfen müssen, was auch langsam in bundesweiten Gesundheitsgremien wie dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger erkannt und unterstützt wird.

Es war übrigens unser neuer Generalsekretär-Stellvertreter, Gerhard Rucker, der mich nach der Geschichte der Selbsthilfe gefragt hat, die ja weitgehend auch meine Geschichte ist. Damit er weiß, was in den zehn Jahren vor seinem Beitritt passiert ist, habe ich diesen Text geschrieben. Er wird auch in meinem letzten Buch, „Kopfbahnhof“ erscheinen. Ich hoffe, dass er motiviert, Verantwortung zu übernehmen.

Ich bereue nichts. Die ehrenamtliche Arbeit habe ich gerne und mit vollem Einsatz geleistet und dadurch diese „Scheiß Krankheit“ leichter ertragen.

Gerald Ganglbauer
Stattegg, 18. September 2019

Eine Antwort auf „Honeymoon mit der Selbsthilfe“

  1. Lieber Gerald, ein wirklich guter Artikel über eine Selbsthilfe, die über die heimatlichen Grenzen schaut. Ich habe deine und Ulis Arbeit immer sehr geschätzt und bewundert, auch eure unermüdliche Energie (wie es schien). Ich hoffe sehr, dass sich eine gute Nachfolge findet, damit auch eure Aufbauarbeit weiter geführt werden kann. Danke für die viele engagierte Arbeit! Dir, als PON Präsident wünsche ich einen aktiven Ruhestand mit möglichst wenigen Einschränkungen durch die „Scheisskrankheit“ ! Veronika

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